Konkurrenz zwischen Sohn und Vater

Ein ca. 45-jähriger Unternehmensberater aus Süddeutschland wurde von seinem Coach zu mir geschickt mit der Aufgabe, sein Privatleben in Ordnung zu bringen. Nennen wir ihn Herr K.

Herr K. dachte, alles sei in Ordnung mit seinem Privatleben. Er hatte ein großes Beratungsunternehmen mit ca. 15 Mitarbeitern von seinem Vater geerbt, der vor einigen Jahren plötzlich verstorben war. Herr K. hatte vorher einschlägige Erfahrungen in anderen Beratungsfirmen eingeholt und sah sich als Experte auf seinem Gebiet. Er übernahm, mit all seinen Kenntnissen und seiner Erfahrung die er in vielen Jahren angesammelt hatte, das väterliche Unternehmen. Er war der einzige Sohn. Anfangs lief auch alles gut. Die Aufträge blieben nicht aus und es schien sogar, dass der neue Besen sehr gute kehrte. Nach ca. 3 Jahren gingen langsam und stetig die Aufträge zurück. Die Wirtschaft in dieser Zeit erlebte nicht gerade einen Aufschwung und so dachte man, es liege an der allgemeinen Wirtschaftssituation, da viele Beraterkollegen ebenfalls über wenig Auftragsvolumen klagten. Er reihte sich in die Linie der klagenden Kollegen ein. Nun kamen ganz langsam Existenzängste zum Vorschein, denn er hatte eine große Familie zu versorgen. Er musste handeln.

Zuerst suchte er sich einen externen Berater, der sich auf Sanierungen spezialisiert hatte. Dieser Trainer brachte sein Wissen, sein Erfahrungen in das Unternehmen ein und entwickelte mit dem Firmeninhaber ein neues Konzept, das sich sehr erfolgversprechend anhörte. Es handelte sich um ein „ganzheitliches Konzept“, indem die Menschen, egal ob Mitarbeiter oder Kunden, besonders berücksichtigt wurden. Es schien gut weiterzugehen, doch der Erfolg blieb minimal.

Dann, im Laufe seiner Coaching-Runden, wurde immer deutlicher, dass Herr K. nicht nur Geschäftsmann ist, sondern dass der private Bereich auch mit berücksichtigt werden müsste. Herrn K. wurde dringend empfohlen, sein Privatleben zu durchleuchten, da er als Mensch, als emotionales Wesen in die Welt gekommen ist. Dieser private Bereich wird im Wirtschaftsleben oft zu wenig berücksichtigt, hat aber immer sehr großen Einfluss.

Mit diesem Auftrag, sein Privatleben, besonders die Eltern-Beziehung in Ordnung zu bringen, kam Herr K. zu mir. Ein gestandener Mann, offen, welterfahren, mit der Aussage, es sei soweit alles in Ordnung, er komme nur, weil sein Coach es ihm als Hausaufgabe aufgegeben hatte.

Ich arbeite auch im Einzel-Coaching schwerpunktmäßig mit Aufstellungen, da ich so am schnellsten einen Überblick über die unbewussten Strukturen in Systemen bekomme, schneller und klarer als es mir stundenlange Gespräche offenbaren würden. Ich bat Herrn K., seine Herkunftsfamilie aufzustellen: Vater, Mutter und sich selbst. Er stellte den Vater mitten in den Raum, die Mutter rechts dahinter und sich, in großer Entfernung, mit dem Rücken zum Vater.

In einer Einzel-Aufstellung gehe ich selbst in alle Positionen, fühle mich ein und teile dem Klienten meine Wahrnehmung mit.

Ich stellte mich in die Position des Vaters und fühlte mich sehr stabil, gerade, sicher und mein Herz war sehr verschlossen. Für mich zählten Fakten, ich fühlte mich verantwortlich für meine Familie, das Unternehmen und nur das zählte. Emotionale Bindungen konnte ich nicht wahrnehmen. Den Sohn sah ich sehr klein vor mir.

Der Platz der Mutter fühlte sich gut an, die Verbindung zu ihrem Mann war sehr stabil und voller Bewunderung. Auf dem Platz des Sohnes, Herrn K. spürte ich sehr viel Druck von hinten, und das starke Bedürfnis, mich umzudrehen um die Eltern anzuschauen. Den Vater nahm ich als riesengroß wahr und konnte ihn kaum anschauen. Es kamen Gedanken wie: dir zeig ich´s, ich kann´s genau so gut wie du und noch besser.

Ich teile meine Wahrnehmungen und Impulse immer verbal dem Klienten mit.

Es war Konkurrenz zwischen Sohn und Vater zu spüren. Dann stellte sich Herr K. auf seinen Platz und fühlte sich in diese Konstellation ein. Ich bat ihn, sich vorzustellen, er sei das Kind. Plötzlich fühlte er eine große Traurigkeit. Der Vater war so weit weg. Er hätte sich gewünscht, der Vater nimmt den kleinen Jungen in den Arm, spielt mit ihm Fußball oder veranstaltet eine Kissenschlacht. All das und noch vieles mehr, waren die Wünsche des kleinen Jungen. Der Vater hatte jedoch nie Zeit für ihn gehabt und auch keine Lust, sich mit dem kleinen Sohn abzugeben. Viel Trauer, Wut und schließlich Resignation kamen jetzt ans Licht. Ich ließ Herrn K. den Satz sagen: „Papa, ich hätte dich vielmehr gebraucht als Kind, du hast mir so gefehlt.“ Er konnte diesen Satz aus vollstem Herzen bejahen. Ich sagte in der Position des Vaters: „Ich hab dir alles gegeben, was mir möglich war“.

Nach einigen Interventionen zwischen Vater und Sohn konnte Herr K. wieder in die Erwachsenen-Position gehen und den Vater mit anderen Augen sehen. Er konnte dem Vater zustimmen, so wie er war. Dieses Gefühl: Papa, du bist mir noch was schuldig, das subtil immer da war, löste sich langsam auf. Herr K. konnte nun, immer noch mit etwas Abstand, auf seinen Vater schauen. Er konnte das achten, was er von ihm bekommen hatte und dankbar annehmen. Das Herz des Sohnes hatte sich etwas geöffnet. Herrn K. war vorher gar nicht bewusst, wie verschlossen und immer verschlossener er wurde. Lediglich seine Frau hatte ihm gelegentlich vorgeworfen, er werde immer verschlossener und so seinem Vater immer ähnlicher.

Die Tiefe einer solchen Erfahrung ist mit Worten schwer zu beschreiben, es sind innere Prozesse, die von unserem Verstand nur schwer, ja vielleicht gar nicht nachzuvollziehen sind. Sie wirken in den inneren Räumen der Seele, an einem geschützten Platz, wo man auch nur selbst einen Zugang zu hat.

In weiteren Sitzungen konnte sich Herr K. immer mehr auf den Vater zubewegen und schließlich aus vollem Herzen sagen: „Vater, ich führe das Unternehmen weiter, dir zu Ehre mache ich es“. Bewusst glaubte Herr K., das geerbte Unternehmen gut zu führen, aber die unterschwellige, ja unbewußte Ablehnung dem Vater gegenüber hätte ihn fast die Existenz gekostet. So wirken unheilvolle „Verstrickungen“ die uns vom Verstand her überhaupt nicht bewußt sind.

In den Aufstellungen erleben wir andere Ebenen der Wirklichkeit und können andere Schichten unserer Vielseitigkeit erreichen und da eine Klärung herbeiführen. Eine Aufstellung wirkt dann auch auf dieser Ebene in unsere wirkliche Realität hinein, wie eine Pflanze, die unterirdisch Wurzeln bildet und nach einer gewissen Reifungszeit ans Licht tritt. Sie muss gehegt und gepflegt werden, gedüngt, mit Wasser, Sonne und Licht versorgt werden, sodass sie zu einer schönen Blume oder einem Starken Baum heranwachsen kann.

(Name und Anschrift des Klienten sind im Institut Gabriele A. Petrig bekannt)

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